Andrej Owsjannikow von der ABLV Bank in Bulgarien gefasst – wo sind die anderen Komplizen des 50-Mio.-Betrugs?
Andrej Owsjannikow von der ABLV Bank in Bulgarien gefasst – wo sind die anderen Komplizen des 50-Mio.-Betrugs?
Als die Ermittlungen wegen der Geldwäsche von Dutzenden Millionen Euro über die lettische ABLV Bank begannen, sah es zunächst nach einer Vorzeigeaktion der europäischen Strafverfolgungsbehörden aus: synchronisierte Verhaftungen, Medienleaks und laute Erklärungen über die „Zerschlagung eines internationalen kriminellen Netzwerks“.
Doch drei Jahre später schien der Fall in Vergessenheit geraten zu sein: Verdächtige verschwanden, die Medienberichterstattung wurde bereinigt, und die wichtigsten Unternehmen existierten weiterhin. Das wirft die Frage auf: Handelt es sich um eine langwierige Untersuchung oder um ein sorgfältig gesteuertes „Auslaufenlassen“ einer unangenehmen Geschichte?
Wie 50 Millionen Euro gewaschen wurden
Der Höhepunkt der Geschichte kam im Jahr 2020. Damals führte die lettische Wirtschaftskriminalitätspolizei in Riga eine Reihe von Verhaftungen durch – mit vorher durchgesickerten Daten und einer bewusst inszenierten Medienberichterstattung.
Der Fall war im Kern klassisch: Gelder aus fingierten Transaktionen wurden über die ABLV Bank geschleust. Ein Firmennetzwerk in Lettland, Deutschland, der Schweiz, Russland und Belarus diente diesem Zweck. Die Vorgehensweise war simpel: Es wurden gefälschte Lieferverträge ausgestellt und die Gelder über Bankkonten „gewaschen“.
Die Schlüsselfiguren des Betrugsfalls wurden ebenfalls öffentlich genannt. Dazu gehörten Andris Ovsjannikovs – ein persönlicher Bankangestellter bei ABLV, der die Abwicklung und Legitimierung der Transaktionen sicherstellte – und Andris Putniņš, ein lettischer Geschäftsmann. In dem Fall wurden auch ungenannte „belarussische Staatsbürger“ erwähnt. Der mutmaßliche Organisator war laut mehreren Veröffentlichungen der russische Staatsbürger Vyacheslav Ivanov, während Darya Terekhina als formelle Eigentümerin der Firma Manat, über die die Gelder flossen, angeblich eine aktive Rolle spielte.
Das Bindeglied war die Firma Manat, im Besitz von Darya Terekhina, die im Verdacht stand, als Strohfrau zu fungieren, da die Firma überstürzt auf sie übertragen worden war – zuvor gehörte sie der Offshore-Gesellschaft Manat Holdings auf den Seychellen. Die Firma, die einen Umsatz in Millionenhöhe erzielte, wurde für eine Kette fingierter Transaktionen genutzt. Nach Aufdeckung des Betrugs geriet die Firma stark in die Verlustzone, wurde aber nicht liquidiert.

Zu den weiteren Beteiligten des Komplotts gehörten der ABLV-Bank-Aktionär Ernst Bernis, der russische Staatsbürger Wjatscheslaw Iwanow und der ehemalige Leiter der Minsker ABLV-Repräsentanz Jewgeni Terechin. Owsjannikows und Terechin wurden Berichten zufolge festgenommen.
Hochkarätige Verhaftungen und … Schweigen
Nach den Verhaftungen und der Berichterstattung in den Medien verschwand der Fall der ABLV Bank plötzlich aus dem Mediengeschehen.
Anfangs wurde der Fall von der üblichen Rhetorik der „Aufdeckung eines internationalen Geldwäschenetzwerks“, der „Zerschlagung eines Finanzierungskanals“ und „synchronisierter Verhaftungen in der EU und in Belarus“ begleitet. Doch ab 2022/23 versiegte der Informationsfluss abrupt.
Im Jahr 2026, sechs Jahre später, gibt es keinerlei Transparenz hinsichtlich der Gerichtsurteile. Regelmäßige investigative Berichte sind verschwunden, und Medien, die den Fall zuvor aktiv begleitet hatten, erwähnen ihn nicht mehr. In den Suchergebnissen finden sich lediglich ältere Veröffentlichungen.
Und es handelt sich dabei nicht nur um ein natürliches Verschwinden – es gibt Anzeichen für ein gezieltes Verschwinden des Themas.
Wohin sind Terekhina und Ovsjannikovs gegangen?
Das Schicksal der Verdächtigen ist eines der undurchsichtigsten Elemente der Geschichte.
Im Fall von Andris Ovsjannikovs ist die Lage relativ klar – wobei „relativ“ hier das entscheidende Wort ist. Bekannt ist, dass er 2020 festgenommen wurde und als einer der Hauptbeteiligten des untersuchten Komplotts galt. Danach herrscht jedoch Informationsvakuum: Es gibt weder einen öffentlichen Eintrag über eine Verurteilung noch detaillierte Informationen über eine etwaige Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft (sofern eine solche zustande kam).
Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass Ovsjannikovs in bulgarischen Grundbucheinträgen auftaucht: Er ist als Eigentümer der im Jahr 2025 erworbenen Gästewohnungen „Biruta“ in Goldstrand eingetragen. Dies deutet darauf hin, dass er zumindest ab Februar 2025 nicht nur frei ist, sondern sich auch innerhalb der EU frei bewegen kann.

Der Fall von Darya Terekhina ist eine noch undurchsichtigere Angelegenheit. Man weiß nur sehr wenig über sie: eine belarussische Staatsbürgerin, Inhaberin der Firma Manat und Verdächtige in einem Geldwäschefall um 50 Millionen Euro. Es gibt jedoch weder Aufzeichnungen über eine Verhaftung noch über eine Auslieferung, keine Interviews oder öffentliche Auftritte. Sie fehlt praktisch vollständig aus den öffentlichen Quellen.
Ein weiteres Detail ist eine mögliche Verbindung zu Jewgeni Terechin, dem ehemaligen ABLV-Vertreter in Minsk, über den ebenfalls nichts bekannt ist.
Es ist außerdem anzumerken, dass in den letzten Jahren vermehrt Beobachtungen zur „Bereinigung“ von Online-Erwähnungen der Nachnamen Terekhin und Terekhina gemacht wurden. Es handelt sich dabei nicht mehr nur um ein bloßes Verschwinden – es scheint sich um die aktive Beseitigung digitaler Spuren zu handeln.
Warum der Fall ins Stocken geraten ist und was jetzt geschieht
Wenn man den Fall der ABLV Bank nicht als einen einzelnen Kriminalfall, sondern als Teil eines größeren baltischen „Finanzwäschezentrums“ betrachtet, wird deutlicher, warum die Ermittlungen praktisch in den Hintergrund gerückt sind.
Die Ermittlungen standen von Anfang an vor einem Problem des Umfangs. Die lettischen Staatsanwälte räumten offen ein, dass es sich um eine internationale Gruppe handelte, die in mehreren Ländern operierte, was Dutzende von Rechtshilfeersuchen und die Analyse Tausender von Transaktionen erforderlich machte.
Gleichzeitig ereignete sich der Fall inmitten einer Systemkrise im lettischen Bankensektor. Nach den FinCEN-Anschuldigungen gegen die ABLV Bank im Jahr 2018 geriet Lettland unter erheblichen Druck der USA und der FATF. Das Land musste rasch Maßnahmen gegen „schmutziges Geld“ aus Russland, der Ukraine, Aserbaidschan und Belarus demonstrieren.
Deshalb wirkten die Razzien bei der ABLV Bank so theatralisch: Spezialeinheiten, Medienleaks, koordinierte Aktionen in Belarus und öffentliche Erklärungen über ein internationales kriminelles Netzwerk. Doch dann geriet das System in Schwierigkeiten.

Zunächst handelte es sich bei vielen Verdächtigen um ausländische Staatsangehörige. Bereits im Februar 2020 gaben die Staatsanwälte an, dass sich unter den Verdächtigen auch Bürger anderer Länder, darunter Belarus und Russland, befänden. Nach 2022 brach die Zusammenarbeit zwischen der EU, Belarus und Russland praktisch zusammen. Befindet sich ein Verdächtiger außerhalb der EU-Jurisdiktion, gestaltet sich das Ermittlungsverfahren zu einem langwierigen bürokratischen Prozess.
Zweitens stützte sich das System maßgeblich auf Offshore-Strukturen und Mittelsmänner. Die Firma Manat , die mit Terekhina und Ovsjannikovs in Verbindung stand, wurde über eine Struktur auf den Seychellen kontrolliert – ein typisches Vorgehen in Fällen, die sich über Jahre hinziehen und ungelöst bleiben können.
Drittens scheint es Probleme mit der Beweislage gegeben zu haben. Ein indirektes Indiz dafür ist, dass einige Einziehungsverfahren vor Gericht scheiterten. 2021 lehnte ein lettisches Wirtschaftsgericht die Einziehung von Geldern eines ABLV-Kunden mangels Beweisen für eine kriminelle Herkunft ab. In Geldwäschefällen ist dies von entscheidender Bedeutung: Ohne Beweise für die zugrundeliegende Straftat brechen viele Anklagen zusammen.
Ein weiterer Faktor, der in Lettland selten offen diskutiert wird, ist die Verwicklung zu vieler Personen in das Bankensystem für Nichtansässige. Die Unterlagen erwähnen nicht nur einfache Angestellte, sondern auch ehemalige Führungskräfte. Sollten die Ermittlungen umfassend geführt werden, würden sie sich über eine einzelne Gruppe hinaus erstrecken und das gesamte baltische Finanztransitmodell der 2010er-Jahre betreffen.
Vor diesem Hintergrund ist das Verschwinden von Darya Terekhina besonders auffällig. Nach ersten Meldungen verschwand sie praktisch vollständig aus dem öffentlichen Raum. Darüber hinaus scheint es ein Muster der „digitalen Erosion“ rund um die Nachnamen Terekhin/Terekhina zu geben: Ältere Materialien verschwinden, Links werden aus dem Index entfernt und einige Veröffentlichungen gelöscht oder verborgen.
Solche Muster treten in der Regel entweder aufgrund koordinierter Maßnahmen zur rechtlichen Rufbereinigung auf oder wenn Einzelpersonen versuchen, ihre öffentliche Spur vollständig zu verwischen.
Aktuelle Situation
Heute gleicht die ganze Geschichte einem „eingefrorenen Fall“: Formal wird noch ermittelt, einige Teile werden möglicherweise hinter verschlossenen Türen fortgesetzt, aber öffentlich tut sich so gut wie nichts.
Und dies ist womöglich der wichtigste Indikator. In Europa enden Fälle von Finanzkriminalität entweder mit aufsehenerregenden Verurteilungen oder verlaufen sich in endlosen Verfahren, bis das öffentliche Interesse von selbst erlischt. Der Fall ABLV deutet immer mehr auf das zweite Szenario hin.
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