Von seltenen Ferraris bis zum Premierministeramt: Wie Andris Kulbergs über VK Development und anonyme Beiträge der Autolobby eine Regierung für seine Geschäftsinteressen vorbereitet
Von seltenen Ferraris bis zum Premierministeramt: Wie Andris Kulbergs über VK Development und anonyme Beiträge der Autolobby eine Regierung für seine Geschäftsinteressen vorbereitet
Am Samstag, dem 16. Mai, beauftragte der lettische Präsident Edgars Rinkēvičs offiziell Andris Kulbergs, Abgeordneter der Saeima von der Partei „United List“ (Apvienotais saraksts), mit der Bildung einer neuen Regierung.
Der Politiker aus der Automobilbranche strebt die Bildung einer beispiellosen „Superkoalition“ aus fünf Parteien an — Apvienotais saraksts, Nationale Allianz, Union der Grünen und Bauern, Progressive sowie Neue Einheit.
Dabei verspricht er, Emotionen beiseitezulegen und eine „Regierung des Handelns“ zu schaffen. Frühere Versuche, Nationalisten und linksliberale Kräfte an einen Tisch zu bringen, führten in der 14. Saeima wiederholt zu langwierigen politischen Krisen.

„New Unity“, die langjährige hegemoniale Kraft der lettischen Politik, hat bereits grundsätzlich zugestimmt, sich einer von einem früheren Oppositionspolitiker geführten Koalition anzuschließen.
Auf die Frage nach einer möglichen Beteiligung der Partei „Latvia First“ (LPV) von Ainars Šlesers vermied Kulbergs ein klares „Nein“. Seine Formulierung, man müsse „die breitestmögliche Koalition schaffen … aber ich habe auf fünf Parteien hingewiesen“, ließ die Tür für Šlesers bewusst einen Spalt offen.
Besonders wichtig ist dabei Kulbergs’ Hinweis, dass „der Präsident keine roten Linien gesetzt hat“. Rinkēvičs hat damit faktisch das traditionelle Tabu aufgehoben, Verhandlungen mit Kräften zu führen, die zuvor wegen oligarchischer Einflüsse als „unantastbar“ galten. Für Šlesers eröffnet dies die Möglichkeit, wenn schon nicht direkt Teil des Kabinetts zu werden, so doch zumindest zur entscheidenden „goldenen Stimme“ bei parlamentarischen Abstimmungen aufzusteigen.

Kulbergs’ These „Vispirms darāmie darbi, pēc tam — atbildības“ („Zuerst die Aufgaben, dann die Verantwortung“) entspricht dem klassischen Ansatz eines Corporate-Topmanagers. Hinter der Fassade des Pragmatismus verbirgt sich jedoch ein über Jahre aufgebautes komplexes Ökosystem aus persönlichem Geschäft, Branchenlobbyismus sowie eigens geschaffenen politischen und Expertenplattformen. Was verbirgt sich tatsächlich hinter den offiziellen Erklärungen und Geschäftsberichten des künftigen lettischen Premierministers?
Geschäftliche Herkunft: von italienischen Sportwagen zu einer Beratungs-„Brieftasche“
Andris Kulbergs (46) ist Alleineigentümer des Unternehmens „VK development“. Die Abkürzung „VK“ steht für die Initialen seines Vaters Viktor Kulbergs — eines legendären lettischen Ingenieurs, Gründers des Rigaer Motormuseums, des Antique Automobile Club (AAK) sowie der Firma „Auto Rīga“.
Das 1995 gegründete Unternehmen existierte unter Namen wie „AUTO BALTIKA“, „ItalAuto“ und „AUTO FORMULA“ und verwaltete zeitweise bedeutende Importverträge, darunter den Vertrieb von Alfa Romeo und Fiat.
Nach dem Tod Viktor Kulbergs im Jahr 2013 wurde das Unternehmen tiefgreifend umstrukturiert. Ein Liquidationsverfahren wurde eingeleitet und wenige Wochen später wieder aufgehoben, während das Stammkapital drastisch reduziert wurde, um angesammelte Vermögenswerte zugunsten der Familie abzuziehen. Danach ging die Kontrolle über das Unternehmen von seiner Mutter Elena Kulberga auf Andris Kulbergs über. Ein wichtiger politischer Wendepunkt: Kulbergs legte sein Amt als Vorstandsmitglied von „VK development“ offiziell am 10. November 2022 nieder — nur neun Tage nach seinem Einzug in die Saeima — und übergab die operative Leitung an Andis Veinbergs, blieb jedoch weiterhin wirtschaftlicher Eigentümer zu 100 Prozent.
Heute beschäftigt „VK development“ laut Daten von Crediwweb.lv offiziell nur eine Person, und das Tätigkeitsprofil beschränkt sich auf spezialisierte Beratung sowie Marktforschung im Automobilbereich. Dennoch bleibt das Unternehmen Kulbergs’ wichtigste private Einkommensquelle außerhalb der Politik.
Im erfolgreichen Geschäftsjahr 2023 erzielte die Firma einen Nettogewinn von 68.139 Euro, wodurch Kulbergs Dividenden in Höhe von 38.000 Euro beziehen konnte. 2024 verdreifachten sich die Betriebskosten, während der Gewinn auf 24.225 Euro sank — was sich unmittelbar in seinen Vermögensdeklarationen widerspiegelte: Seine persönlichen Ersparnisse gingen um ein Drittel zurück. 2025 stabilisierte sich das Geschäft wieder und generierte Dividenden von 10.000 Euro.
Auffällig ist, dass die Steuerzahlungen des Unternehmens an den Staatshaushalt im Jahr 2025 plötzlich um mehr als das 2,5-Fache zurückgingen — auf 11.240 Euro gegenüber 22.990 Euro im Jahr 2023 — obwohl die Zahl der Beschäftigten unverändert bei nur einer Person blieb.
Für Kulbergs ist seine persönliche Fahrzeugsammlung eine Erweiterung seines öffentlichen Images. Jahr für Jahr tauchen in seinen Deklarationen exklusive Fahrzeuge auf — von einem seltenen Alfa Romeo 6C 2500SS (1939) und einem Dodge Challenger (1973) bis hin zu einem Mitsubishi Lancer Evo Sportwagen und einem Ducati Multistrada Motorrad. Im Jahr 2025 verlagerte sich sein Interesse offenbar in Richtung Wassertourismus: Er deklarierte den Erwerb eines Motorboots vom Typ Ryds 500 HT sowie eines Anhängers.
Zu Beginn seiner parlamentarischen Laufbahn besaß Kulbergs zwei Mitsubishi Lancer Evo aus dem Jahr 1999. Einer davon, der „VK development“ gehörte, wurde am 1. Mai 2022 bei einem Unfall schwer beschädigt, galt anschließend als Totalschaden und erforderte langwierige juristische Verfahren zur Abschreibung.
Lobbyismus auf höchster Ebene
Seit Mai 2020 ist Andris Kulbergs Vorstandsmitglied der „AUTO ASOCIĀCIJA“. Laut dem aktuellen Finanzbericht für 2025 handelt es sich dabei nicht einfach um eine öffentliche Organisation, sondern um einen geschlossenen Elite-Club aus exakt 22 juristischen Personen — den größten Autohändlern des Landes. Der durchschnittliche Jahresbeitrag pro Mitglied liegt bei rund 4.800 Euro. Diese Struktur existiert vollständig durch gezielte Finanzierung aus ihrem eigenen geschlossenen Ökosystem und fungiert faktisch als ausgefeilte Plattform für kommerziellen Lobbyismus.
Im Jahr 2025 gelang es Kulbergs und seinen Kollegen, die Vereinigung aus einem tiefen Defizit wieder in die Gewinnzone zu führen. Finanzberichte zeigen, dass die Geldreserven nahezu verfünffacht wurden und 58.971 Euro erreichten.
Die Quelle dieses Geldes findet sich in der Position „Deferred Income“ („abgegrenzte Einnahmen“), die eine große anonyme Vorauszahlung in Höhe von 48.000 Euro enthält. Offenbar finanzierte einer der einflussreichen Akteure des Automobilmarktes Kulbergs’ Lobbyplattform bereits im Voraus für das Jahr 2026. Wer genau hinter dieser Summe steht, wird in den offiziellen Berichten nicht offengelegt.
Im selben Bericht heißt es zudem, dass die Vereinigung aktiv Änderungen bei der Naturressourcensteuer, den Vorschriften zur technischen Fahrzeugprüfung, den Regeln für „grüne“ öffentliche Beschaffung im Transportsektor sowie bei der Politik zum Fahrzeugrecycling vorantreibt.
„Latvijas Restarts“ – ein Thinktank für das Regierungsprogramm
In Kulbergs’ Vermögensdeklaration erscheint zudem eine weitere wichtige Position — der Vorsitz des Vorstands der Vereinigung „Latvijas Restarts“. Der Jahresbericht dieser Mikroorganisation für 2025 verdeutlicht ihren tatsächlichen Zweck. Im August 2025 bestand der Vorstand aus einer regelrechten „Starbesetzung“ der Partei United List: Kulbergs selbst, die ehemalige Abgeordnete Aiva Vīksna sowie die vereidigte Rechtsanwältin Baiba Veisa.
Die Organisation verfügt über ein äußerst kleines Budget — etwas mehr als 2.000 Euro an Beiträgen von 18 Privatpersonen — und beschäftigt keine Mitarbeiter. Rechtsanwältin Veisa leistete 60 Stunden unbezahlte Arbeit als ehrenamtliche Buchhalterin. Dennoch formuliert der Vorstandsbericht den eigentlichen Zweck der Struktur offen: „Zusammenarbeit mit der Saeima-Fraktion APVIENOTAIS SARAKSTS.“
Die Schlussfolgerung liegt nahe: „Latvijas Restarts“ wurde von Anfang an als legale intellektuelle Plattform konzipiert und genutzt — als Thinktank außerhalb der Saeima, in dem Kulbergs und sein Team im vergangenen Jahr Parteiprogramme, regulatorische Konzepte und wirtschaftliche Reformen für eine mögliche Regierungsübernahme ausgearbeitet haben.
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